Nachts sind alle Katzen grau, wird landläufig behauptet. Unsere Nachtschicht bei der DuBay Polymer GmbH am 23. Januar 2019 lehrte etwas Anderes. Wie unter einem Brennglas wurden die mehr oder weniger effizienten Ausprägungen von Arbeitsabläufen deutlich, die unterschiedlichen Sichtweisen und Motivationen von Mitarbeitenden erkennbar.
20 Uhr: Wie in einem großen Raumschiff liegt die Produktionshalle vor dem Fenster des Kontrollraumes. Um die großen Bildschirme an den Wänden über den im Halbkreis stehenden Schreibtischen (höhenverstellbar!) versammeln sich die Männer der Nachtschicht, einige in Arbeitsanzügen, andere in ihren Uniformen der Werksfeuerwehr. Die Luft ist trocken, es riecht ein bisschen nach Chemie. Nach der Übergabe, die an einer Tafel stattfand, haben sich die Kollegen der Frühschicht verabschiedet. Die Zurückbleibenden wirken recht relaxed, routiniert. Ihre Augen wandern, auch wenn Sie sich über Privates unterhalten, immer wieder über die Bildschirme. Hin und wieder ertönen enervierende Warntöne: Der Mann am Leitstand bleibt ruhig, man spürt jedoch erhöhte Aufmerksamkeit, manchmal greift er zum Telefon, um weiter entfernt an der Anlage arbeitende Kollegen zu erreichen. Zu festgelegten Zeiten sind Kontrollgänge fällig, Produktionsproben werden ins angrenzende Labor gebracht. Alles scheint einem geheimen Plan zu gehorchen.
Die anfängliche Reserviertheit der Kollegen gegenüber den APRODI-Beobachtern hat sich schnell gelegt. Wir kommen ins Gespräch, dürfen begleiten, über die Schultern gucken, was gemacht wird, Fragen stellen. Einige kritische Äußerungen hören wir nicht zum ersten Mal. Dennoch materialisieren sich gerade in dieser nächtlichen Fokusgruppe die eigentlichen Probleme: Die Rechner sind zu langsam. Digitale Tools sind vorhanden, werden nebeneinander und nicht einheitlich eingesetzt, es gibt Medienbrüche und immer wieder redundante Erfassungen. Der Informationsfluss lässt zu wünschen übrig. Verbesserungsvorschläge werden geliefert; fast jeder hat eine konkrete Vorstellung, wie seine Arbeit besser laufen könnte und welche Abläufe und Dokumentationen unter Umständen verzichtbar wären: „Ein Tablet wäre praktisch, zum Beispiel bei Rundgängen”, „Der Arbeitsstand der Instandhaltungsaufträge müsste jederzeit verfügbar sein”, „Produktfreigaben könnten digitalisiert werden”, „Weniger Papierkram”. Nicht einer wollte, dass alles so bleibt, wie es ist.
„Und sonst so?” fragen wir. Viele sind schon seit langen Jahren bei DuBay: „Ein guter Arbeitgeber, auch im Vergleich mit anderen.” Das Prinzip der Mitgestaltung wird in der Unternehmenskultur großgeschrieben und von allen geschätzt. Und doch scheint die damit einhergehende Selbstverantwortung und weitgehende Hierarchielosigkeit auch ihre Schattenseite zu haben: „Mir fehlt das Lob und die Anerkennung durch Vorgesetzte”, hören wir zum Beispiel. Ob da mehr Digitalisierung hilfreich sein kann? Tja, das ist eine gute Frage.
Um 2 Uhr morgens geben wir todmüde auf und verabschieden uns vom Nachtschichtteam, das jetzt noch ein paar Stunden vor sich hat.