Reifegradmodelle helfen eindeutig zu bestimmen, wie ausgeprägt bestimmte Merkmale bei zu untersuchenden Objekten sind, beispielsweise bei Organisationen, technischen Systemen oder Personen. Reifegradmodelle bestehen aus zwei grundlegenden Elementen.
Zur Bestimmung des Reifegrades von Unternehmen hinsichtlich Digitalisierung, Vernetzung und Industrie 4.0 existieren zahlreiche Modelle. Exemplarische Übersichten und kurze Beschreibungen bestehender Reifegradmodelle finden sich unter
www.iee-online.de/wp-content/uploads/sites/9/2017/10/IEE_2017_10_web.pdf
oder
www.all-electronics.de/wie-reif-ist-ein-unternehmen-fuer-die-industrie-4-0.
Ein firmenspezifisches Reifegradmodell eröffnet die Möglichkeit, Merkmale und Reifegradebenen selbst zu bestimmen, anstatt sie aus einem anderen bereits existierenden Modell zu übernehmen.
Mithilfe von Reifegradmodellen sollen der Entwicklungsstand eines Unternehmens oder Unternehmensbereichs hinsichtlich der Digitalisierung bestimmt sowie Verbesserungs- und Entwicklungsmaßnahmen entwickelt werden. In einigen der bestehenden Modelle entsteht der Eindruck, „digitale Reife” sei ausschließlich abhängig von Anzahl und Vernetzung eingesetzter digitaler Systeme. Aber die „digitale Reife” muss auch die Fähigkeit umfassen, den Digitalisierungsumfang zu erkennen, der für das Unternehmen sinnvoll und wirtschaftlich ist. Unternehmen, die so viel digitalisieren „wie nötig” und diesen Umfang definieren und begründen können, haben sicherlich keinen niedrigeren Reifegrad als Unternehmen, die unreflektiert so viel digitalisieren wie möglich. In bestehenden Reifegradmodellen wird dieser Aspekt oft nicht berücksichtigt. Zudem bieten sie nicht die Möglichkeit, Merkmale und Reifegradebenen entsprechend den eigenen Bedürfnissen zu wählen oder anzupassen.
Es kann daher für Unternehmen sinnvoll sein, eigene Reifegradmodelle für ihren Digitalisierungsprozess zu entwickeln. Geschieht dies in einem bereichsübergreifend zusammengesetzten Team, ist gewährleistet, dass die eigenen spezifischen Bedürfnisse und Rahmenbedingungen sowie die Entwicklung und Umsetzung der eigenen Strategie bestmöglich unterstützt werden können. Bewertungen aus der Sicht verschiedener Teilnehmender machen deutlich, wie verschiedene Personengruppen den Status Quo wahrnehmen. Bewertungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten helfen, die Wirkung umgesetzter Maßnahmen zu erkennen und zu verfolgen.
Die Erstellung eines firmenspezifischen Reifegradmodells wird von projektverantwortlichen Mitgliedern des Kern- oder Projektteams initiiert und vorbereitet. An der Erstellung können, je nach dem zu bewertenden Bereich, beispielsweise Konzern, Werk, Abteilung, unterschiedliche Personen und Gremien beteiligt sein – von ausgewählten Beschäftigten des zu gestaltenden Bereichs bis zum obersten Führungskreis.
Die Bewertung mit Hilfe eines firmenspezifischen Reifegradmodells kann – je nach dem zu bewertenden Bereich und dem Verwendungszweck des Ergebnisses – von unterschiedlichen Personenkreisen vorgenommen werden, so zum Beispiel von der gesamten Belegschaft eines Unternehmens, von der Belegschaft eines Bereichs, einer Abteilung, nur von den Führungskräften oder nur von den Beschäftigten.
Die zuvor beschriebenen Teilnehmenden eines Workshops sammeln und strukturieren Aspekte, die aus ihrer Sicht für die erfolgreiche Digitalisierung ihres Bereichs oder Unternehmens relevant sind. Beispiele für zu bewertende Aspekte sind: „Wir nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung, um Energie zu sparen” oder „Wir kennen die vorhandenen Qualifikationen unserer Beschäftigten” oder „Wir kennen den zu erwartenden Qualifizierungsbedarf unserer Beschäftigten”.
Im APRODI-Projekt wurde ein neutraler Rahmen in Form eines Excel-Werkzeugs entwickelt, der mit betriebsspezifischen Bewertungsmerkmalen „gefüllt” werden kann, die aktuell oder zukünftig relevant sind.
Die Anzahl der Reifegradebenen wurde auf vier beschränkt: „nicht erkennbar” = 0, „teilweise” = 1, „überwiegend” = 2 sowie „in vollem Umfang” = 3. Das reduziert den Bewertungsaufwand und hilft dennoch, Handlungsbedarf eindeutig zu erkennen und zu priorisieren. Die Skalierung lässt keine neutrale Bewertung zu. Als Ergebnis wird der Reifegrad (Zielerreichung) für übergeordnete Merkmale und deren Teilmerkmale in der Spalte rechts außen in Prozent angegeben. Im Beispiel in der Abbildung ist dieser Rahmen in allgemeiner Form dargestellt. Es ist erkennbar, dass vor allem für die Merkmale 1.2 und 2 Handlungsbedarf besteht. Sie haben die niedrigste Zielerreichung.
Sind die firmenspezifischen Bewertungsmerkmale gesammelt, abgestimmt und formuliert, kann die Einschätzung des Reifegrades in verschiedenen Gruppen und Gremien erhoben werden, beispielsweise im obersten Führungskreis oder im gesamten Unternehmen. Dafür kann das spezifische Modell nach der Erstellung in Form eines Fragebogens oder einer Datei versandt werden.
Nach der Auswertung können wichtige Handlungsfelder aus Sicht der Befragten direkt erkannt werden. Relevant sind nicht nur Merkmale mit besonders niedrigen Zielerreichungsgraden, sondern auch Merkmale, bei denen viele Befragte die unteren Bewertungsebenen gewählt haben. In der Abbildung sind exemplarisch fiktive Ergebnisse einer Befragung von 50 Personen für die Hauptmerkmalsebene dargestellt. Erkennbar ist, dass in diesem Beispiel Handlungsbedarf eher bei den kulturellen als bei den technologischen Merkmalen besteht.