Beobachtungsmethoden wie Betriebsrundgänge, prozessorientierte beziehungsweise themenzentrierte Begehungen und teilnehmende Beobachtungen (zum Beispiel Schichtbeobachtungen) sind bewährte Formen einer systematischen Vor-Ort-Aufnahme des Ist-Zustands mit bestehenden Stärken und Schwachstellen von Wertschöpfungsprozessen in Produktionsunternehmen. Beobachtungsinterviews und Begehungen werden im Folgenden detailliert vorgestellt.
Typisch für diese Beobachtungsmethoden ist das Bestreben, den Produktionsablauf als eine Art „Arbeitsaufführung” zu beobachten, bei der im Idealfall die Arbeitsabläufe und die mit der Wertschöpfung einhergehenden Vorgänge von der Beobachtung unbeeinflusst bleiben. Dieses Bestreben ist sowohl aus erkenntnistheoretischer als auch aus betriebspraktischer Sicht zum Scheitern verurteilt, weil die Anwesenheit der Beobachter und Beobachterinnen nicht ohne Einfluss auf die alltäglichen Abläufe bleibt. Die Teilnahme einer beobachtenden Person, deren eventuelle Nachfragen und die Antworten der Beobachteten sind zugleich auch eine Veränderung des Geschehens, eine Intervention. Wichtig ist, einerseits den Einfluss der Beobachtung bewusst in Grenzen zu halten, sowie andererseits die daraus resultierenden Veränderungen der beobachteten Abläufe sorgfältig mit zu dokumentieren und zu reflektieren.
Beobachtende Verfahren liefern Hinweise auf Stärken und Schwächen der betrieblichen Wertschöpfungsund Supportprozesse (inklusive IT-Infrastruktur) sowie der Informations-, Kommunikations- und Partizipationsprozesse. Zugleich ergibt sich aus der betrieblichen Alltagserfahrung und den durch die verschiedenen betrieblichen Funktionsrollen geprägten Sichten ein erstes Bild der Ausgangslage und der Rahmenbedingungen für das angestrebte Digitalisierungsvorhaben. Das betriebliche Umfeld wird so im Hinblick auf die Organisationsstruktur und -kultur, auf die Führungspraxis und auf die Managementsysteme erkundet.
Typisch für Beobachtungsmethoden ist die systematische Einbeziehung und gegebenenfalls Aktivierung der betrieblichen Praktiker – unter anderem Werker, Meister, Planer, Logistiker. Zielsetzung beim Einsatz von Beobachtungsmethoden ist in der Regel eine verstehend-wertschätzende, minimal-invasive Erkundung der betrieblichen Ist-Situation unter Einbeziehung der betrieblich Handelnden als Vor-Ort-Experten.
Im Kontext von betrieblichen Digitalisierungsvorhaben kann so auch eine funktions- und hierarchieebenen- übergreifende, im Idealfall eine gemeinschaftliche Orientierung über die Ausgangssituation und die soziotechnische Vorgeschichte erreicht werden. Dabei können einheitliche Beobachtungskriterien (zum Beispiel in Form von Checklisten) und bewährte Verfahren (zum Beispiel zur Arbeitsanalyse) zum Einsatz kommen.
Beobachtungsmethoden können praktiziert werden von der internen Personal- und Organisationsentwicklung, vom internen Change-Management oder von Beschäftigten, welche die betriebliche Situation im Rahmen von Projekten analysieren. Letztere sind in der Regel Mitglieder des Kernteams oder Projektteams Digitalisierung. Interne Beobachter sollten neutrale Personen aus einem anderen Bereich sein. Sie können jedoch auch Unternehmensexterne sein, beispielsweise Beratende, Beauftragte, Gäste beim Betriebsrundgang oder – wie im APRODI-Projekt – externe Partnerinnen und Partner aus dem APRODI-Betriebsteam. Die Beobachteten sind Beschäftigte aus Bereichen, in denen eine Digitalisierungsmaßnahme geplant ist oder die auf der Suche nach vorteilhaften Einsatzmöglichkeiten für die Digitalisierung analysiert werden.