Ein Beobachtungsinterview ist eine geplante Erhebung und anschließende Analyse des Ist-Zustandes in ausgewählten Prozessen, Prozessschritten oder für ausgewählte Arbeitstätigkeiten. Dafür begleiten die Beobachtenden über einen bestimmten Zeitraum (beispielsweise während eines halben Tages oder während einer Schicht) einen oder mehrere Beschäftigte. In dieser Zeit sammeln sie Antworten auf vorbereitete Fragen durch Beobachtung und Gespräche mit den Beschäftigten.
Elemente eines Beobachtungsinterviews sind
In APRODI wurde eine Methodik in Anlehnung an das Verfahren RHIA/VERA-Produktion (Oesterreich et al. 2000) eingesetzt. Dieses Verfahren zielt in seiner ursprünglichen Form auf die Ermittlung von Denkerfordernissen und Behinderungen in der Arbeit ab. Es erfasst damit psychische Belastungen und Anforderungen. Die Fragestellungen wurden für das Projekt abgewandelt und lauten nun:
Beobachtungsinterviews geben Orientierung über die betriebliche Ausgangslage, wenn passende Möglichkeiten für den Einsatz der Digitalisierung identifiziert werden sollen oder die Umsetzung einer Digitalisierungsmaßnahme bevorsteht. Der Blick richtet sich auf die bestehenden Handlungs- und Umgangsweisen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: An welchen Stellen eröffnet die beabsichtigte Maßnahme Möglichkeiten zur Verbesserung von Abläufen? Wo kann bewährtes Handeln dadurch „unter Druck” geraten? Welche Kontextbedingungen müssen bei der Veränderungsmaßnahme beachtet werden, um Risiken zu minimieren und Chancen zu nutzen? Ziel ist es, Gestaltungsbedarf zu erkennen und zu benennen, diesen in ein Zielbild zu integrieren und Maßnahmen daraus abzuleiten.
Beobachtungsinterviews ermöglichen einen systematischen und partizipativen Blick auf Abläufe, Aufgaben und Bedingungen am Arbeitsplatz. Beobachtungs- und Bewertungsschemata bieten ein Analyseraster zum Erkennen von Verbesserungspotenzialen. In Beobachtungsinterviews werden Abläufe, Informationswege und genutzte Arbeitsmittel erfasst und beschrieben. Dadurch gewinnen die Untersuchenden Informationen über die Arbeitsaufgabe und das dafür benötigte Wissen und Können. Die Sicht der Mitarbeitenden und deren Erfahrungswissen werden dabei durch vorstrukturierte Interviewfragen einbezogen.
Im APRODI-Projekt gingen Vertreter der beteiligten Forschungsinstitute für die Beobachtungsinterviews in den Betrieb. Sie begleiteten erfahrene Beschäftigte in der Produktion für jeweils einen halben Tag bei ihren Arbeitstätigkeiten.
Personen, die Beobachtungsinterviews anwenden wollen, müssen sich im Vorfeld mit der jeweiligen Methodik und den verwendeten Konzepten vertraut machen. Für die Untersuchung vor Ort muss ein belastbares Vertrauensverhältnis hergestellt werden. Die betroffenen Personengruppen und der Betriebsrat müssen über Ziele, Ablauf und Dauer der Beobachtungsinterviews sowie über den Umgang mit den erhobenen Daten informiert werden: